Bordeaux 2011

Bordeaux 2011 oder von der Renaissance der Feinheit


Fast scheint es, als ob der überaus ungewöhnliche Witterungsverlauf, in dessen kapriolesken Bedingungen der Bordeaux-Jahrgang 2011 heranreifte, die Sinne vieler Verkoster durcheinandergebracht und in Folge missmutige Verdikte und gewagte Allgemeinurteile evoziert hätte.

 

Wenn ich in meiner Einleitung die Bordeaux-Ernte 2011 als Abschlusswerk einer beeindruckenden Jahrgangs-Tetralogie betrachte, dann ruft dies bei manchem sicherlich Verwunderung hervor, sieht doch die herrschende Meinung hinreichende Anzeichen vinophiler Mediokrität.

 

Die rein an objektiver Klimadatenschau orientierte Betrachtung des Jahrgangs würde durchaus vermuten lassen, seine merkantile Vernachlässigung sei ein Akt sinnhafter Auslassung. Jedoch hat sich diese Sicht bereits für den Jahrgang 2008 diskreditiert, der trotz umfangreicher anfänglicher Nörgeleien mit der Zeit die Akklamation bekommen hat, die er von Anfang an schon verdiente

 

Anders als in den Jahren 2009 und 2010, die über den Zweifel strittiger Qualität in der Breite weit erhaben sind, gilt es in 2011 wie in keinem anderen Jahrgang der letzten Dekade, das laue Mittelmaß von den überaus beachtlichen Reüssiten zu scheiden. Es ist dabei durchaus signifikant, dass die großen Terroirs in aller Regel auch beachtliche bis große Weine hervorgebracht haben. Zur Gnade des elitären Bodens gesellen sich hier nicht selten die Segnungen ökonomischen Hyper-Erfolgs, der jeden auch nur erdenklichen Aufwand in der Selektion ermöglichte, so dass nur perfektes Lesegut den Weg in die Gärbehälter fand.

 

Auffällig ist aber ebenso, dass nicht wenige Betriebe aus dem klassifizierten Mittelfeld nur ein Niveau erreicht haben, das einen Einkauf in Subskription nicht unbedingt zwingend erscheinen lässt. Dann gibt es widerum kleinere Betriebe, die im Stil eines handwerklichen Einmannbetriebs arbeiten, die überaus beachtliche Qualitäten abgeliefert haben. Wie lässt sich all dies erklären?

 

Es dürfte ratsam sein, den weiland auch bereits als Jahrhundertereignis ausgerufenen Jahrgang 2005 als Ausgangspunkt für die Betrachtung der aktuellen Ernte heranzuziehen. Aufgrund der überragend guten Presse konnten die Châteaux 2005 die Preise in einem Maß erhöhen, das von nicht wenigen als unanständig qualifiziert wurde. Klassische Käufer stiegen daher aus dem Subskriptionsgeschäft aus, es gab aber eine genügend lange Warteschleife, die die freigewordenen Mengen begierig aufsaugte. Im Nachgang dazu waren die Preise für 2006 immer noch hoch, der Verkauf war nicht ganz so erfolgreich wie im Jahr zuvor, aber der Kassenstand der Weingüter hatte schon die Hochwassermarke 1 erreicht.

 

Wer ein langfristiges Modell verfolgte, begann nun in das nachrangige Herzstück bei der Weinwerdung, den Keller, zu investieren. Eine Entwicklung, wie man sie in Hochglanzperfektion auf Cos d’Estournel beobachten kann, nahm ihren Verlauf: die Atomisierung des Weinausbaus. Ein revolutionärer Gedanke durchwehte die bordelaiser Wein-Eminenz, den der Parzellen- und Rebsorten-Individuation. Wo früher, etwas übertrieben formuliert, alles in einen großen Bottich gekippt wurde, gibt es nun so viele Gärbehälter, dass auch feinste Unterschiede im Wachstum und in der Reife berücksichtigt werden können. Es wird meist mit Schwerkraft gearbeitet, die das gnadenlose Pumpen überflüssig macht, die Thermoregulation ist extrem verfeinert.

 

Parallel dazu nahm gerade in den letzten Jahren die Expertise der Kellermeister und der beratenden Önologen sprunghaft zu, die Idee der Nachhaltigkeit setzte sich zwar erst zaghaft bei einigen kleinen Betrieben, dann aber mit unerschütterlicher Wucht bei einem flächenmäßigen Riesen, Pontet-Canet, durch, optische Sortiertische bieten ein Maß an Selektionsperfektion, die noch vor ein paar Jahren undenkbar war.

 

Mit wenigen Ausnahmen ist es den bordelaiser Markenträgern gelungen, die Vorteile aus den überlegenen Böden und der langen Fahrt auf der wirtschaftlichen Überholspur zu nutzen, um in 2011 Weine zu bereiten, die unter gleichen Bedingungen vor 20 Jahren nicht denkbar gewesen wären. Der Preis ist dabei die geringste Ernte seit 1991.

 

Bei den flächenmäßig kleineren, eher handwerklich organisierten Betrieben wiederum, die oft nicht über große Terroirs verfügen, konnte mit der nötigen Hingabe und unter dem Leitstern empathischer Intuition durch Fleiß das wettgemacht werden, was andernorts adlige Böden und pekuniäre Potenz erledigen. Mit nicht geringer Berechtigung könnte man 2011 als Verwirklichungsform voraussetzungsdichotomer Ereignisduplizität bezeichnen. Das breite Mittelfeld ist Opfer dieser Polarisierung.

 

Als bordeauxaffiner Weinkonsument darf man die Ernte 2011 als Glücksfall erachten, denn die Spitzenqualitäten sind sehr beachtlich, die Weinstilistik ist überaus klassisch mit sehr schöner Säure, wenig Alkohol und einer meist atemberaubenden Balance. Der Vermuthstropfen liegt im möglichen Irrgarten der richtigen Weinauswahl, denn so disparat wie in diesem Jahr waren die Urteile der namhaften Verkoster selten zuvor. Ähnlich wie für die erfolgreichen Winzer liegt auch für uns der Kern des Agierens in der richtigen Selektion. Wundern Sie sich also nicht, wenn Sie im meinem Angebot in diesem Jahr Weine, die Sie sonst immer aufgelistet fanden, vermissen.

 

Gleichwohl ist die 2011er Selektion die inhaltlich konziseste, die ich Ihnen bisher zu bieten hatte. Das liegt daran, dass 2011 der erste Jahrgang ist, der zeigt, wie konsequent bei den hier angebotenen Weinen die Verantwortlichen die Beobachtung, die Kunst der Interpretation und das konsequente Handeln beherrschen.

 

Die Tendenz arider Witterungsverläufe setzte sich auch im Jahr 2011 fort, als ein viel zu warmes, ja manchmal heißes, sommerlich niederschlagsloses Frühjahr die Reben schon sehr früh in Trockenstreß versetzte, in dessen Folge sich, mit der Ausnahme der großen Terroirs, eine überaus heterogene Blüte entwickelte. Die Trockenheit hielt auch in den nun eher kühlen Frühsommer hinein an, das diskrepante Wachstum der Trauben nahm seinen Verlauf, der Wachstumsvorsprung verlangsamte sich, die Beeren waren klein bei kräftiger Schale. Vereinzelt, so vor allem im qualitativ sehr heterogenen Pessac-Léognan, konnte das Bikini-Blattwerk einzelne Beeren nicht mehr vor Sonnenbrand schützen. Nur mit unermüdlichem hohen manuellen Aufwand konnten die Trauben im nun glücklicherweise feuchten Sommer gesund erhalten werden. Dennoch kam es zur Ausprägung sog. Harlekin-Trauben: dem gleichzeitigen Vorhandensein völlig unreifer bis verbrannter Beeren an einem Henkel. Etwas mehr als in den letzten Jahren hinkte die phenolische der aromatischen Reife hinterher, so dass die Kunst darin bestand, einerseits beerengenau zu lesen, andererseits bei der Extraktion nicht der Versuchung zu erliegen, zu viel Opulenz in eine offensichtlich von Feinheit und Zurückhaltung geprägte Ernte zu bringen.

 

Ganz generell ist 2011 ein Jahr der Rebsorten Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Ganz anders als in den Jahren zuvor kann gerade der Cabernet Franc seine aromatische Distinktion herausstellen und führt so zu einer Renaissance der in Bordeaux doch oft nur im zweiten Gliede stehenden Rebsorte. Allerdings sollte man nicht verschweigen, dass die großen Assemblageträger die Geduld des Käufers erfordern. Wer den aktuellen Jahrgang zur Arrondierung und Optimierung seiner Kellerausgewogenheit nutzen möchte, kommt an den großen Terroirs nicht vorbei.

 

Betrachtet man die Jahrgänge 2008 bis 2011 als Tetralogie, dann verdichtet sich der vielversprechende Prolog 2008 in atemberaubende 2009er Opulenz, die sich 2010 in bourgeoise Souplesse steigert und ihr traumhaftes Finessenfinale im 2011er Epilog findet. So viel Burgundisches hatte Bordeaux noch nie.

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