Wir haben uns Nachverkostungen vorgenommen. Bedingt durch die große Masse an Menschen, die die Verkostungen regelrecht stürmt, und dadurch die eh schon hohen Temperaturen förmlich anheizt, haben wir uns bei einigen Weinen nur diffuse Vorstellungen bilden können, die uns bei einem abschließend vorläufigen Urteil eher Unbehagen bereiten. Bei der ersten Negociant-Verkostung des Tages zeigt sich dann auch unsere Vermutung bestätigt, dass viele der Fassmuster erheblich variieren. Die Hitze der vergangenen Tage setzt einen extrem schnellen Oxidationsprozess in Gang und die derart verunstalteten Weine zeigen sich viel zu alkoholisch und bereits im Glas verblüht. Ich kann nicht anders, als diese Art der Präsentation als grenzenlos schäbig zu beurteilen. Für Mensch wie Wein, denn bei beiden macht sich schnell Schlappheit breit.
Bei unseren Nachverkostungen festigt sich jedoch weiter die bereits erahnte Tendenz, dass die Weine aus dem Medoc in 2010 die Referenz darstellen. Bei vorgenanntem Negociant konnten wir die gesamte Appellation Margaux durchverkosten; neben dem erstgekrönten Platzhirsch und dem Herausforderer Palmer zeigen sich Malescot St.Exupery, Rauzan Segla, Cantenac Brown, Clos du Jaugueyron und zwei Weine, auf die wir spätestens im Subskriptionskatalog noch näher eingehen werden, in beeindruckender Form.
Aber auch des Medocs schöner Norden, St. Estephe, will da nicht hintanstehen und zeigt sich generöes in der Auswahl beachtlicher Reüssiten. Allein der Kürze der Zeit ist es geschuldet, dass ich auf die Weine aus St. Estephe nicht im einzelnen eingehen kann. Eine Betrachtung wird nachfolgen.
Ein regelrechter Wallfahrtsort ist fuer uns in den letzten Jahren die “Biturica” Verkostung auf Ch. Cambon la Pelouse geworden. Neben den hauseigenen Weinen kann man hier Mille Roses, Paloumey, Belle-Vue, Senejac und vor allem Clos du Jaugueyron verkosten. Ein Eldorado für alle, die authentische, ehrliche Weine für sehr angemessenes Geld suchen! Auch in diesem Jahr geht unser Coup de Coeur hier an den Wein von Michel Theron, der bereits mit seinem Clos Du Jaugueyron aus Margaux extrem beeindruckend aufzufallen wusste und 2010 mit seinem Wein aus dem Haut-Medoc auch wieder die Meute vor sich hertreibt.
Auf Ch. Citran, wo man nicht nur ein exzeptionell schönes Chai hat, sondern mittlerweile ebenso ansprechende Weine macht, gab es das Highlight des Haut-Medoc: Ch. La Lagune. Ein Wein in Topform, neben dem sich mancher Cru-Classé-Riese aus den Nobelappellationen klein ausnimmt! Bereits aus 2009 war ja La Lagune ein, wie Parker schreibt, “Blockbuster-Wein”, was er in 2010 ganz sicher erneut zu erfüllen weiss, auch wenn mich bei dem Begriff eher das Schütteln ereilt. Denn mit Blockbuster hat der 2010er nicht viel zu tun, ist er doch, um die Massen um die Häuserblocks stürmen zu lassen, dafür zu präzise, zu erhaben, ja fast zu intellektuell.
Beendet wurde das offizielle Probenprogramm erneut bei einer Negociantverkostung, mit der Möglichkeit, einige Weine ein weiteres Mal zu probieren und schlechte Muster durch bessere zu ersetzen. Heute Nachmittag hatten wir in der Spitze 31.5 Grad, was nicht nur die Verkoster, sondern eben wie schon oben angedeutet, auch die Weine vor nicht zu erfüllende Anforderungen stellt. Schon jetzt erahnen wir, dass die Verkostungsnotizen und Eindrücke nicht zuletzt deshalb noch stärker als im letzten Jahr differieren werden, weswegen wir ständig bemüht sind, die Bewertungen durch mehrmaliges Nachverkosten zu objektivieren und die Ergebnisse dadurch zu verifizieren.

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