Bordeaux 2012: eine unerwartete Inversionslage

Mit Chateau Montrose publiziert heute der zweite Supersecond (nach Chateau Pichon Comtesse) seinen Primeurpreis 2012 unter der Kultmarke Lynch Bages. Diese Preisinversion dürfte richtungweisend sein im Hinblick auf die unterschiedlichen Auslegungsformen des Begriffs “Marke”. Die “Superseconds”, in deren Begrifflichkeit sich ja schon der Bezug auf die Premiers erschließt, sind durch ihre historische Verortung in einer weltweit anerkannten historischen Klassifikation (die eine Art unhinterfragbare Autoritätsinstanz darstellt) der wesenhaft schlüssigere Prognoseträger als ein Wein, der mit hohem Marketingaufwand “artifiziell” in Position gebracht wird.

Pichon-Baron-Ch-02Chateau Pichon Baron                    Foto:© Matthias Hilse

Einzig der Protopauillac Pontet-Canet, der als Solitär in der Liga der retroavantgardistisch Entgrenzten spielt, kann es sich mit Erfolg erlauben, die Gesetze der Markeninklusion zu überschreiten, weil man hier seit Jahren seine Expertise als erfolgreicher Grenzgänger unter Beweis stellt.

Es ist überdies am Pichon-Geschwisterpaar deutlich zu sehen, wie unterschiedlich die empathischen Empfindsamkeiten, was das Verständnis der eigenen Kundschaft betrifft, einerseits in einem Finanzkonzern, andernstraßenseits bei einem Luxuswarenspezialisten, ausgeprägt sind.

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Der Winckelmann-Bordeaux 2012: Chateau Calon Segur

Man darf vermuten, dass aus dem Saint-Estèphe-Hegemonie-Zweikampf nun ein Dreikampf wird: der exuberant-exotisch-opulente Cos d’Estournel, der monolithische, unbeirrbare Montrose und der Herzenswein Calon Segur repräsentieren drei je sehr eigenständige, konsequente und beeindruckende Interpretationen nördlicher Médoc-Schönheit.

Calon-Segur-Ch-01

Heute hat Chateau Calon Segur seinen 2012er Preis lanciert, für den folgende Verkostungsnotiz dem Autor treffend erscheint (wohlwissend, dass es auch semantisch einfach gestrickte Verdikte gibt):

Man sollte es nicht als posthumes Insinuieren missverstehen, würde man eine gewisse Interferenz des Saint-Estèphe-Klassikers mit dem Herzen im Etikett und einem Hauch Rustikalität in den Jahren vor 2008 konstatieren. 2012, mit der ersten Ernte unter den neuen Eigentümern, kann man nicht anders als einen Großen Wurf filigraner Distinktion zu bezeichnen. Hier hat alles seinen Platz: wie in einem Maßanzug von einer der feinsten Haute-Couture-Adressen sitzt die fleischig-frische, brillantklare, dominant rotbeerige Fruchtanmutung in einem perfekt zugeschnittenen, seidig-zarten Tanninkorsett von feinstem Raffinement und tanzt mit einer pointierten und sehr animierenden Säureprise in harmonischem, energetischem Schwung einen Zungentanz von asketischer Reinheit und nobler Signatur, in dessen Reprisen sich ein diskret-charmanter Aromenhorizont von edler Einfalt, stiller Größe und stupender Dauer ausprägt.

Matthias Hilse: 93-95 Punkte

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Die Mitjaville-Ikonen 2012 sind da

Heute morgen hat Francois Mitjaville die 2012er Preise für sein Ikonenduo Chateau Tertre Roteboeuf und Roc de Cambes veröffentlicht. Mit EUR 120,00 für Chateau Tertre Roteboeuf 2012 ist einer der besten Weine des Jahrgangs, den ich gerne als Totalaromensaintemilion bezeichne, für weniger als die Hälfte des 2009ers zu haben – das ist bei der gebotenen Qualität (Matthias Hilse: 96-98Punkte) ein klarer Kauf.

Tertre-Roteboeuf-Ch-04Im Keller von Tertre Roteboeuf                                                                                                      Foto: © Matthias Hilse

Der kongeniale Roc de Cambes 2012 (Matthias Hilse: 94-95Punkte), dessen Bereitung nun Tochter Nina verantwortet, steht der Saint-Emilion-Legende nicht viel nach und ist der spannendste Aussenseiterbordeaux in diesem Jahr. Mit einem Preis von EUR 42,00 sollte er in keinem Bordeauxkennerkeller fehlen.

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Stephan Graf von Neipperg bei AUX FINS GOURMETS

Am gestrigen Mittwoch präsentierte Stephan Graf von Neipperg sein grandioses Weinportfolio beim ersten AUX-FINS-GOURMETS-Weindiner in der Französischen Weinbotschaft in Bodenheim und konnte während des sehr kurzweiligen, lehrreichen und sinnenintensiven Abends große Bewunderung für seine Weine erfahren.

Stephan Graf von Neipperg bei AUX FINS GOURMETS                              Foto: © Matthias Hilse

Stephan Graf von Neipperg bei AUX FINS GOURMETS Foto: © Matthias Hilse

Im Stil der Primeurproben in Bordeaux galt es zum Auftakt, sich durch eine Vertikale der Rotweine von Clos Marsalette, Chateau d’Aiguilhe, Clos de l’Oratoire, Chateau Canon-La-Gaffelière und La Mondotte aus dem Überjahrgang 2009 zu arbeiten und die Zunge etwas mit diesen bereits jetzt seduktiv-süffigen Elixiren in Übung zu bringen. Gerade die zeitgeraffte unmittelbare Folge der Weine ließ ihre stilistischen Merkmale und die Unterschiede im Rebsortenspiegel und den Böden deutlich zum Vorschein kommen.

Für das nachfolgende Menü, zu dem folgende Weine gereicht wurden, war das eine überaus gute Distinktionsgrundlage: Clos Marsalette weiß 2011, Chateau d’Aiguilhe 2004, Clos de l’Oratoire 1998, Chateau Canon-la-Gaffeliére 2000, La Mondotte 2001 und Chateau Guiraud 2002. Besonders bei den letzten beiden Rotweinen konnte man die Extraklasse dieser Lagen erkennen mit dem sehr alten Merlotbestand auf Mondotte und dem hohen Cabernet-Franc-Anteil auf Canon-la-Gaffelière.

Neipperg-1

Das Konzept von AUX FINS GOURMETS, in den eigenen, mit sehr guter Akustik und feiner Patina gesegneten Räumen, kochen zu lassen (vom exquisiten SL-Team) und in authentischer Weinatmosphäre einen ganz eigenen sinnlichen Rezeptionshorizont zu zeigen, wurde von den Gästen in besonderem Maß goutiert.

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Verkostungsnotiz Pontet Canet 2012 und Fleur Morange 2012

Château Pontet-Canet

Seit vielen Jahren nun ist der Verkostungsbesuch auf Château Pontet-Canet eines der Highlights der Primeurwoche in dualer Hinsicht. Zum einen wird hier regelmäßig, zumindest seit dem Jahrgang 2008 konsequent, einer der Weine des Jahres präsentiert, zum anderen rufen die im Weinberg oder auch im Keller durchgeführten Modifizierungen, die jeweils Puzzleteile im äonisch ausgelegten Masterplan des kongenialen Duos Alfred Tesseron und Jean-Michel Comme sind, immer wieder akklamatorische Verwunderung hervor und machen Staunen über die Begrenztheit des eigenen Horizonts, der solche Entwicklungen nicht in Sichtweite hatte.

Nachdem der komplette Weinberg seit dem Jahrgang 2010 als biodynamisch zertifiziert ist und die Unterhufnahme der Rebreihen in sanfter Kontinuität voranschreitet, wurden nun jüngst die Pontet-Canet-Eier mit dem grandiosen und sine-pari-Jahrgang 2012 inauguriert. Es handelt sich dabei um geschwungene Betonbehälter, in denen ein Teil der Gärung vollzogen wird. Sie stehen in Konkurrenz zu Holzfässern und ermöglichen ebenso wie diese die gewünschte Mikrooxidation. Insgesamt sinkt dadurch der Holzeinfluss und der Wein, entledigt eines Teils seiner symbiotischen Fessel, gewinnt an Genuität.

Verkostungsnotiz:

Der geduldige Glasschwung des tiefdunklen Pauillac-Elixirs setzt Bouquetwolken von unerhörter aromatischer Opulenz, feinster Floralhauchdistinktion und rassiger Frische, die einen erhaben feinen Kern roter Früchte und Beeren umhüllen, frei. In grazil-schwungvoller Eleganz, mit der Reinheit eines quellnahen Gebirgsbaches und im sicheren Bewußtsein innerer Größe verwandelt die jüngste Pontet-Canet-Réüssite den Gaumen in einen atemberaubend weitgefassten Resonanzraum mit perfekter Balance der Attributträger Frucht, Säure und Tannin. Mit dem feinen Schwung einer Frühjahrsbrise und ihrer animierenden Frische gleitet der von feiner Würze unterlegte, im rot-und blaubeerigen Fruchspektrum domizilierte Saft mit völlig unangestrengtem, gleichwohl wirkmächtigem inwendigem Druck über die Zunge und scheint dabei jedweder Gravitation enthoben. Die perpetuierenden, sauerstoffbewährten Gaumenwogen zeigen dabei eine Fruchtausprägung von höchster Reinheit in einer Gerbstoffgewandung von subtilster Finesse. Dieser monolithische, retroavantgarde, visionäre Wein transzendiert sowohl die traditionelle bordelaiser Adelspyramide als auch das aktuelle Bewußtsein pauillac’scher Größe in der Form einer Wesensverdichtung, die ihre Wurzel eben nicht der ex-post Bearbeitung geernteter Beeren, sondern in der ex-ante Sorge um die Bedingung der Möglichkeit von Rebvitalität hat.

Verglichen mit den Jahrgängen 2009 und 2010 entfaltet die 2012er Ernte etwas weniger Druck, offenbart aber dadurch immer neue Schichten ihrer feinziselierten, kaskadengestaffelten Struktur, die sonst leicht von schierer Opulenz überlagert wird. Wie eine Bach’sche Tokkata, gespielt in einer Kathedrale, hallt der Pontet-Canet mit immer neuen Themenbögen in einem Finale von der Länge einer halben Ewigkeit nach. Pontet-Canet 2012 ist für mich der Wein auf der linken Seite, der alles andere überragt.

Matthias Hilse: 96-98 Punkte

TulpenDSC_5943Tulpenmeer                                                                                             Foto: © Matthias Hilse

Chateau La Fleur Morange

Chateau La Fleur Morange ist in vielerlei Hinsicht eine Rarität. Nicht nur, weil es von diesem begnadeten Wein im Durchschnitt nur 5.000 Flaschen gibt und auch nicht, weil die Reben hier im Mittel einhundert Jahre alt sind. Was nach einer Antinomie ausschaut, das Weingut mit dem Methusalem-Rebbestand als eines der Ikonen modern-zeitgemässer Saint-Emilion-Interpretation zu bezeichnen, bekommt bei näherer Betrachtung axiomatische Schlüssigkeit.

Gerade weil die Oldie-Reben die bestmögliche Form der Ertragsreduzierung liefern und die Größe des Weinbergs vollständige manuelle Tätigkeit ermöglicht, liegen die Dinge hier weit entfernt  von den High-Tech-Weinen, die Saint-Emilion reich bevölkern.

Verkostungsnotiz:

Der dunkelgewandete Fleur Morange geizt schon bei der ersten Annäherung nicht mit seinem reichen Beerenbouquet, das von dezenter floraler Würze unterlegt ist und mit einer feinen Graphitnote einhergeht. Der seidig-elegante, saftig-frische, vibrant-animierende Gaumenfluss offenbart einen Wein von exquisiter Feinheit, pulsierender Souplesse und überaus filigraner Ästhetik. Wie in einem wohldistinguierten piano-decrescendo, wo man bei jedem Ton fälschlich meint, der nächste sei dann nicht mehr hörbar, bringen immer feinere Fruchtandeutungen die Zunge in einen Zustand entzückter Wachsamkeit. In der nobelsten Form seduktiver Verführung, wo der Sinnenreichtum das Bewußtsein schärft ohne jegliches Autonomiedefizit, diffundiert sich diese Rarität in einem Finale graziler Anmut und beseelter Vergänglichkeit.

Dies ist ein Wein für den besonderen intellektuellen Genuß, quasi ein archäolischer Tropfen, der den Reichtum der feinen Distinktion, der eben nicht überlagert ist von kraftstrotzender Fülle, zum Vorschein bringt. Er ist der Paradewein, um die Sinnhaftigkeit einer Subskription 2012 zu verstehen: er kann sehr gut leise und ist überaus homöopathisch (um es in der Sprache der Zeitung mit den großen Buchstaben zu sagen).

Der piano-Wein für den Nocturnes-Abend.

Matthias Hilse: 92-94+ Punkte

 

 

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Ein Paukenschlag mit Pianissimoweinen

Fast hat es den Anschein, als ob die Châteauxbesitzer in Bordeaux die erratischen Klimaverläufe und die überbordende Heterogenität des Jahrgangs gerne noch einmal duplizieren möchten in der Dramaturgie ihrer Preisveröffentlichungen.

Während gestern neben dem nach meiner Einschätzung Solitär des Jahres Pontet Canet noch einige weitere, überaus interessante Weine sich in den Publikationskanälen drängelten, dröpseln heute eher der Obhut der Vernachlässigung zu überlassende Offerten herein.

Gestern jedoch war der Tag der leisen Riesen, allem voran mit dem überaus zarten, hauchfeinen, der Tonalität des Pianissimo verpflichteten, leichtfüßigen Fleur Morange, der Maßstäbe setzt in der Unaufdringlichkeit seduktiven Seins.

Nicht minder beachtenswert, aber schon einem breiteren Publikum sehr vertraut ist Chateau Haut-Bailly, das auch 2012 einen Wein der leisen Töne und der überragenden Feinheit von klassischer Eleganz präsentierte, völlig unangestrengt, von mittlerem, aber wunderbar fein dosiertem Druck.

Fleur Cardinale ist ja schon seit ein paar Jahren einer der Lieblinge des ehemaligen Großdegustators, der hier seine Punkte zu Recht, andernorts aber im Sinne einer zufälligen Lotterie verteilt hat. Von modernem Zuschnitt, saftig und frisch, völlig ohne Muskelshirtattitüde, ist er die sehr spannende Crescendo-Variante zum Fleur Morange. Und blumenhaft sind beide.

Wie schon seit einigen Jahren ist der Pomerol von Feytit Clinet beachtenswert, denn er verbindet oplulente Frucht mit sehr feiner Balance und entfalted genau das richtige Kraftmoment, das den Wein schwerelos im Gaumen tanzen lässt.

Cheval-Blanc-Ch-06Empfang auf Chateau Cheval Blanc                              Foto: © Matthias Hilse

Jeder einzelne dieser 5 Weine würde in einem anderen Jahrgangskontext Überfliegerqualitäten entwickeln und wird später als Pirat so manche Ikone aus dem Jahrgangspaar 2009/2010 in den Schatten stellen.

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Chateau Pontet-Canet 2012

Heute morgen hat Château Pontet-Canet, der Protopauillac und Avantgarde Bordeaux par excellence, seinen Preis veröffentlicht. Sie finden Château Pontet-Canet 2012 in Subskription bei AUX FINS GOURMETS hier.

Alfred Tesseron mit Pontet-Canet 2012                                    Foto: © Matthias Hilse

Alfred Tesseron mit Pontet-Canet 2012 Foto: © Matthias Hilse

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Warum nur diese Huddelei?

Liest man in der jüngsten Ausgabe des “Wine Advocate”, dürfte es dem mit philologischer Sorgfalt vertrauten Leser auffallen, dass immer wieder einfachste Grundsätze editorischen Tuns grob missachtet werden.

Château Margaux                                                                                                                 © Matthias Hilse

Château Margaux © Matthias Hilse

Nicht nur, dass Namen konsequent falsch geschrieben werden, die sortierrelevante Nomenklatur überaus inkonsistent in Anwendung kommt, nein, es drängt sich auch die Vermutung auf, von manchen Weinen solle man sich besser gleich ein Fass kaufen, denn die angegebenen Trinkfenster beginnen nicht etwa mit dem Zeitpunkt der Abfüllung, sondern in der natürlich nicht näher bezeichneten diesjährigen Gegenwart.

Diese Schlamperei ist nicht das beste Argument gegen den insinuierenden Gedanken, möglicherweise sei nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt betroffen.

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Viel Pauillac und weiterhin Margaux

Gestern gab es in aus Bordeaux einige interessante Preisveröffentlichungen, die einen Hinweis auf die strategische Ausrichtung der Châteaux geben. Château Batailley, das in den letzten Jahren mit regelmässig sehr guten Ernten ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit gelangt ist, bietet seinen Wein mit EUR 21,00 ex negoce zu einem sehr fairen Preis an und markiert damit die Preisschwelle, die man überwinden muss, wenn man aus der Nobelappellation Pauillac einen mehr als auf der Höhe seiner historischen Einstufung anzusiedelnden 2012er erwerben will: knapp EUR 29,00 brutto.

Mit den Châteaux d’Armailhac und Clerc-Milon hat nun Mouton Rothschild seine gesamte Rotweinpalette bereits auf den Markt gebracht.

Ebenfalls aus Pauillac kommt der seit 4 Jahren nun sehr ordentliche Bellegrave, der für mich den Einstiegswein in die Appellation unter der 20-Euro-Schwelle markiert.

Sein Pendant findet er in Château Labegorce aus Margaux, das einen sehr soliden 2012er bei den Primeurverkostungen gezeigt hat (MH: 90-92), der ebenfalls unter EUR 20,00 zu haben ist.

Château du Tertre hat mit seinem Preis den Vergleich mit Château Ferrière, das ja etwas höher geadelt ist, nicht gescheut – ich meine, nicht zu seinem Vorteil.

Château Trotte Vieille                                                                                             © Matthias Hilse

Château Trotte Vieille © Matthias Hilse

Die eigentliche Überraschung gestern kam aus Saint-Emilion mit Château Trotte Vieille, einem Premier Grand Cru Classé B mit extremst hohem Cabernet-Franc-Anteil und einem überaus überzeugenden Wein (MH: 92-94+) und einem Ausgabepreis auf 2008-Niveau. Trotte-Vieille unter EUR 50,00 bei dieser Qualität ist ein klarer Kauf für mich. Man darf mit dem Wein eben nur nicht ungeduldig sein, er ist nichts für Fruchttrinker.

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Wer hätte das gedacht?

Die folgenden Zeilen wurden in einem Zustand hoher gesundheitlicher Angeschlagenheit verfasst und reflektieren dies möglicherweise inhaltlich. Gleichwohl ist die Subskriptionskampagne 2012, die mit ihrem Aplomb die just erst aus Bordeaux Zurückgekehrten doch zumeist überrascht haben dürfte, bereits um genügend Orientierungspunkte gereift, dass eine erste Einschätzung sinnvoll scheint.

Die Neigung eines lagerhaltungsorientierten Geschäftsmodells, durch die Auslobung perpetuierend wiederkehrender neuerlicher Reüssiten den ökonomischen Wert der wohlbehüteten Vergangenheit mit einem ansehnlichen Zinsfuss zu versehen, ist ja nur ein prominenter Ausdruck eines investorendominanten Umfelds.

Auf Chateau Cheval Blanc                                              Foto: Matthias Hilse

Auf Chateau Cheval Blanc Foto: Matthias Hilse

Insofern ist der Verkoster, sei seine Herangehensweise nun journalistisch oder kaufmännsich, gut beraten, seine Einschätzung auf die Urteilsfähigkeit seiner Sinne eher zu gründen als auf die eklektische Aneignung dominanter Meinungen.

2012 ist ein Jahrgang multipler Heterogenität, der das Mass der Perfektion in der Spitze nur um Haaresbreite verpasst, ein schön ausgeprägtes Hochplateau überaus beachtlicher Weine aufweist, aber auch jede Menge Stolperfallen bereithält, sofern man sich gerne an gewohnte Erfolgsträger hält.

Der Hinweis auf die qualitative Disparität der ausgestellten Proben verwehrt die Aussicht auf leicht formulierbare Allgemeinurteile, wie dass 2012 ein Merlotjahr gewesen sei. Es gibt grandiose Cabernet-Sauvignon-Weine, wie es sie andernflussseitig als Merlot-Variante gibt.

Was die preisliche Erwartungshaltung betrifft, dürfte es nicht falsch sein, sie irgendwo im Dunstfeld des 2008er ex Negoce-Niveaus identifiziert zu finden. Das Handelshaus Moueix, das für sich schon des Öfteren in Anspruch nehmen konnte, Initialchuzpe besessen zu haben, köderte Anfang der Woche mit moderater Zürückhaltung, die ihr Echo dann in Chateau Gazin fand.

Ein überaus opulenter Fluss an Preisveröffentlichungen aus der Riege der Cru-Bourgeois-Güter sandte dann ein anderes Signal: Preise à la Baisse, meist auf das Niveau von 2008 herab.

Nun kann in einem Orchester die zweite Geige die Kohlen nicht für den Solisten aus dem Feuer holen. Um Zugkraft in die Kampagne zu bekommen, brauchte es nun NAMEN.

Zu meiner eigenen Überraschung ist es dann Château Rauzan-Segla, jenem Chanel-Bordeaux-Elixir, das sich seinen Status als Deuxième in Margaux gerne honorieren lässt, gelungen, das Eis – zumindest vorübergehend – zu brechen. Mit einem Ausgabepreis auf dem Niveau des 2008er bei besserer Qualität. Mehr ist nun wirklich nicht zu erwarten.

So ist nun ein erster Fixpunkt gesetzt: man bekommt im Jahrgang 2012 in der eher homogenen Appellation Margaux einen deuxième Cru für knapp unter 50,00 EUR. Doch schon während des Schreibens erfährt nun der für den Jahrgang charakteristische Begriff Heterogenität mit der Preisveröffentlichung von Château Lynch Bages weitere Bedeutung. Mit einem Abschlag von nur 13% gegenüber 2011und einem Aufschlag von 87,5% gegenüber 2008 versucht man hier, den Einfluß des aktuellen Jahrgangs auf die Buchwerte gering zu halten.

Nach meiner Einschätzung liegt 2012 insgesamt knapp hinter 2011, in einem 100-Punkte-Bezug etwa einen halben Punkt niedriger im Durchschnitt, übertrifft aber in der Spitze mit Cheval Blanc 2011 leicht.

Man darf vermuten, dass all die Châteaux, die mit ihrer Preisgestaltung ihr Verständnis sowohl der aktuellen Marktsituation als auch der historischen Rückschau auf den Jahrgang 2008, von dem viele damals abstinente Kunden nun wissen, dass die definitiv etwas verpasst haben, äussern, mit ihren Offerten Erfolg haben werden.

TBC

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